Dicte Beschreibung Beispiel Essay

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Inhaltsverzeichnis

1. Themenstellung

2. Dichte Beschreibung als Forschungsparadigma

3. Der Hahnenkampf als Dramatisierung von Status

4. Kritische Anmerkungen
4.1 Der Balinese als Untersuchungsobjekt
4.2 König Lear und der Hahnenkampf

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Themenstellung

In den 1987 veröffentlichten Aufsätzen in seinem Sammelband „Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme“ veranschaulicht Geertz seinen semiotischen Kulturbegriff unter Bezugnahme auf seine Forschungen in Indonesien und Marokko.

Im Folgenden werde ich Geertz methodisches Vorgehen auf Grundlage des Esssays „Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer Deutenden Theorie von Kultur“ deutlich machen und seine Interpretation des balinesischen Hahnenkampfes darlegen. Die darauffolgende Kritik konzentriert sich dann hauptsächlich auf Geertz Darstellung des Hahnenkampfes.

2. Dichte Beschreibung als Forschungsparadigma

In seinem Essay „Dichte Beschreibung. Bermerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur“ legt Clifford Geertz seinen Kulturbegriff dar und beschreibt die von ihm verwendete ethnographische Vorgehensweise zum Festhalten von Bedeutung.

Geertz vertritt einen semiotischen Kulturbegriff; in Anlehnung an Max Weber ist Kultur für ihn ein vom Menschen „selbstgesponnene[s] Bedeutungsgewebe“.[1] Kultur als System gemeinsamer Symbole, also geteilter Bedeutungen und Vorstellungen könne als Sinngebungsinstanz bezeichnet werden, auf die Menschen in ihrem Handeln zurückgreifen und auf Grundlage derer sie ihre alltäglichen Erlebnisse deuten und einordnen.

Die Aufgabe des Ethnologen sei es, den „gesellschaftlich festgelegte[n] Code“ zu entschlüsseln, mit dessen Hilfe man bloßes Verhalten von einer gerichteten Handlung/ einer Gebärde unterscheiden könne.[2]

Um das menschliche Verhalten nachvollziehbar beschreiben zu können, bedient sich Geertz des Konzeptes der „Dichten Beschreibung“ von Gilbert Ryle. Während eine „Dünne Beschreibung“ nur das Geschehene wiedergibt, geht es bei der „Dichten Beschreibung“ darum, Handlungen zu interpretieren, so dass sie im Rahmen der jeweiligen Kultur verständlich werden.[3] Die Schlussfolgerungen müssen dabei stets im Kontext der Interpretationen der Beschriebenen gezogen werden, da man ihre Erfahrungen beschreiben möchte und nicht die Gefühle, die man selbst gegenüber ihrem Verhalten empfindet.[4]

Eine weitere begriffliche Unterscheidung, die Geertz macht, ist die zwischen „Niederschrift“ und „Spezifizierung“. Während erstere als Synonym für die „Dichte Beschreibung“ zu verstehen ist, also als eine Art der Dokumentation, durch die die Bedeutung eines sozialen Diskurses „dem vergänglichen Augenblick [entrissen wird]“[5], geht es bei der anschließenden „Spezifizierung“ („Diagnose“) darum, auf Grundlage des erworbenen Wissens Aussagen über die jeweilige Gesellschaft abzuleiten.[6]

Geertz argumentiert, dass es möglich sei, aus „mikroskopischen Beschreibungen“[7], also aus „einzelnen, sehr dichten Tatsachen“[8] zu solchen „Spezifizierungen“ im Sinne weitreichender Schlussfolgerungen zu gelangen, da soziale Handlungen stets „mehr als nur sich selbst kommentier[t]en“[9].

Die Bedeutungserschließung kultureller Ausprägungen vergleicht Geertz mit dem Durchdringen eines fremdartigen, literarischen Textes, der etwas über die Kultur in und für die er 'produziert' wurde aussagt.[10] Die Kultur eines Volkes als Gesamtheit bestehe jedoch aus nicht nur einem Text, sondern aus einem schwer zu entschlüsselnden - oft widersprüchlichen - „Ensemble von Texten“.[11] Die Aufgabe des Ethnologen sei es nun, auf Grundlage einzelner 'Textinterpretationen' „eine Lesart [zu] entwickeln“[12], mit Hilfe derer die untersuchte Kultur dann mehr und mehr erschlossen werden könne.

Geertz erhebt für seine Interpretationen weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf absolute und endgültige Wahrheit.[13] Vielmehr weist er in seinem Essay darauf hin, dass der Ethnograph keinen direkten Zugang zum sozialen Diskurs habe[14] und seine Schlussfolgerungen deshalb auf Grundlage der Aussagen seiner Informanten ziehen müsse. „Kurz, ethnologische Schriften sind selbst Interpretationen und obendrein solche zweiter und dritter Ordnung. […] Sie sind Fiktionen, und zwar in dem Sinn, daß sie 'etwas Gemachtes' sind, 'etwas Hergestelltes'“[15]

3. Der Hahnenkampf als Dramatisierung von Status

An Geertz Abhandlung „'Deep Play' Bemerkungen zum balinesischen Hahnenkampf“ wird Geertz Ansatz, Gesellschaften wie Texte zu lesen, deutlich.

Kurz nach ihrer Ankunft in einem kleinen Ort auf Bali im Jahre 1958 werden Geertz und seine Frau während eines verbotenen Hahnenkampfes in eine Razzia verwickelt. Dadurch, dass die beiden mit den Balinesen fliehen, also vermeintlich Solidarität beweisen, werden sie von den Insulanern akzeptiert und bekommen rasch einen Zugang zu deren Kultur.

Während seines Forschungsaufenthaltes auf Bali besucht Geertz zahlreiche Hahnenkämpfe und erkennt sie als soziologisch relevante Metaphern für reale gesellschaftliche Zusammenhänge:

Hähne nehmen eine besondere Stellung in der balinesischen Gesellschaft ein: alltägliche Lebensweisheiten sind mit Hahnenmotiven durchsetzt und die - ausschließlich männlichen - Hahnenbesitzer identifizieren sich mit ihren Tieren und pflegen diese aufopferungsvoll. Doch die Hähne verkörpern nicht nur das stolze, männliche Ego, sondern stehen in Ambivalenz zu den positiven Eigenschaften, die man in sie hineinprojeziert, auch für die von den Balinesen verabscheute Animalität. Bei einem Hahnenkampf bringt der Mann also zum einen sein männliches Ego in den Ring, desweiteren dient der Kampf auch als Opfergabe für die animalischen Dämonen.[16]

Der Hauptaspekt der mehrmals wöchentlich ausgetragenen Kämpfe ist das Wetten, bei dem man zwischen zwei Wettformen unterscheidet[17]:

Zum einen gibt es die hohe Wette zwischen den zwei Wettpartnern in der Arena und zum anderen die vielen kleinen Wetten im Publikum. Während bei ersterer stets gleiche Beträge gegeneinander gesetzt werden, die kollektiv von einer um den Hahnenkämpfer gruppierten Wettgemeinschaft aufgebracht werden, ist die periphere Wette individuell und es werden ungleiche Beträge gesetzt.[18]

Die Hahnenkämpfe selbst können in - für die Balinesen - relativ uninteressante „Flache Kämpfe“ und „Tiefe Kämpfe“, bei denen die „Dramatisierung von Statusinteressen“[19] im Vordergrund steht, unterschieden werden.

„Tief“ und damit bedeutungsvoller wird ein Spiel, wenn statushohe Hahnenkämpfer gegeneinander antreten, aber auch, wenn die Hähne nahezu statusgleicher Personen oder persönlicher Feinde gegeneinander kämpfen.[20]

[...]



[1] Clifford Geertz (1987): Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: Geertz, Clifford (Hrsg.): DICHTE BESCHREIBUNG. BEITRÄGE ZUM VERSTEHEN KULTURELLER SYSTEME. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S.9

[2] „Verhalten + Kultur = Gebärde“, ebda, S.11

[3] Nach Geertz, ebda, S.12 (ohne nähere Quellenangabe)

[4] Ebda, S.22

[5] Ebda, S.34

[6] Ebda, S.39

[7] Ebda, S.30

[8] Ebda, S.40

[9] Ebda, S.34

[10] Clifford Geertz (1987): „Deep Play“: Bemerkungen zum balinesischen Hahnenkampf. In: Geertz, Clifford (Hrsg.): DICHTE BESCHREIBUNG. BEITRÄGE ZUM VERSTEHEN KULTURELLER SYSTEME. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S.253 u. S.259

[11] Ebda. S.259

[12] Geertz (1987), S.15

[13] Ebda, S.26 u. S.41

[14] Ebda, S.29

[15] Ebda, S.22-23

[16] Ebda, S.209-213

[17] Ebda, S.219

[18] Ebda, S.220

[19] Ebda, S.237

[20] Ebda, S.242

Dichte Beschreibung (engl. thick description) ist ein vom US-amerikanischenAnthropologenClifford Geertz entwickeltes theoretisches Konzept zum Verständnis einer Kultur. Der Begriff geht auf den britischen Philosophen Gilbert Ryle zurück, von dem Geertz sich inspirieren ließ.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgehend von einer Kritik am Eklektizismus des Kulturbegriffs entwickelte Geertz die dichte Beschreibung als eine besondere Form der geistigen Anstrengung im Rahmen der deutenden Ethnologie. Diese geistige Anstrengung bezieht sich vor allem darauf, dass der Forscher seine eigene Rolle und Herangehensweise mit in die Beschreibung und Interpretation aufnimmt. Es gibt nach Geertz keine reinen Daten, sondern in diese Daten sind schon immer unsere Erwartungen und unser Hintergrundwissen eingeflossen. Zwar sammelt der Ethnologe sehr viele Daten, jedoch darf nicht der Eindruck entstehen, dass das Sammeln von Daten die Hauptaufgabe des Ethnologen ist, dies ist vielmehr die Interpretation dieser Daten und Artefakte.

Ethnologie bedeutet für Geertz eine „dichte Beschreibung“. Die ethnologische Herangehensweise an ein soziales Phänomen soll nicht zu einer objektiven verallgemeinerten Theorie führen, sondern zu einer „dichten Beschreibung“, also einer genauen Interpretation des einen Phänomens. Aus diesem Einzelfall versucht er, verallgemeinernde Schlussfolgerungen zu ziehen. Geertz will methodisch nicht zu Ergebnissen im Sinne einer Naturwissenschaft kommen, sondern Vermutungen und Einschätzungen anstellen. Die ethnographische Analyse deutet den Ablauf des sozialen Geschehens. „Das Deuten besteht darin, das «Gesagte» [...] dem vergänglichen Augenblick zu entreißen.“[1] Die textliche Form hierfür ist nicht die einer großen Monographie, sondern eines Essays.

Die Aufgabe des Ethnologen besteht nach Geertz einerseits im Aufdecken von Vorstellungsstrukturen, die das Handeln der Subjekte im jeweiligen Kontext bestimmen und andererseits in der Entwicklung eines analytischen Begriffssystems, das geeignet ist, die typischen Eigenschaften der Strukturen gegenüber anderen Determinanten menschlichen Verhaltens herzustellen. Geertz entwickelte die dichte Beschreibung auf der Grundlage eines semiotischen Kulturbegriffs.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Suhrkamp, Frankfurt 2003 (englischer Originaltext: Thick description: Toward an interpretive theory of culture. In: The Interpretation of Culture. Selected Essays, 1973)
  • Jan Roidner: Clifford Geertz (1926–2006), "Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur" (1973). In: KulturPoetik, Bd. 11, H. 1, 2011, S. 111–119

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. ↑Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt 2003, S. 30. 
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